Wann ist ein Gothe ein Gothe?

Wenn Leute auf uns zukommen und uns ansprechen, so wird normalerweise zuerst einmal geklärt, was wir nicht sind (siehe Sorry, soo einfach ist es nicht!). Doch dann kommt die Frage: „Ja was seid ihr denn?“ und ich gerate ins Stocken. Hm, ja was verbindet uns Gothen denn? Eine Lebenseinstellung? Wohl eher nicht, denn erstens ist die wirklich unterschiedlich bei den Gothen und zweitens erkennt man einen Gothen auch ohne vorherigen Rorschach-Test. Ist es die Musik? Nö, ebenfalls zu inhomogen… Und ich weigere mich zu glauben, dass es nur das Äussere ist. Das wäre zu einfach und zu billig.

So stehe ich dann da, unfähig meine Gruppenzugehörigkeit zu formulieren und lasse den Interessenten uninspiriert stehen mit der Meinung, das wir halt komisch oder sprachbehindert sind. Das muss ein Ende haben! Darum, wohlgemut das Web befragt.

Goth or not?

Zuerst an meine Befürchtung: Das Äussere. Fragen wir doch die Community, oder Besser Goth or not. Dort kann ausgewählt werden, ob ein sich selbst darstellendes Individuum ein Gothe ist oder nicht. Schauen wir jeweils die zwei ersten Männlein und Weiblein an:

toxic_nothing darkstar2   sinistersteve septymus
Platz 1 F: 81.13% goth – toxic_nothing Platz 2 F: 70.76% goth – darkstar2   Platz 1 M: 69.30% goth – sinistersteve Platz 2 M: 68.43% goth – septymus

Was sind die Gemeinsamkeiten und Besonderheiten? Hmm…

  • Schwarze Haare
  • Stark geschminkt
  • …?

Ansonsten bleibt nicht viel, glaube ich. Die schwarzen Haare werden auf den nächsten Rängen auf „Keine blonden Haare“ reduziert…

Jugendszene?

Mein Lieblingslink zum Thema Goth, Jugendszenen von der Uni Dortmund. Als nicht-Gemeinsamkeiten führen Sie auf:

  • Das Alter (14 bis ganz alt)

Gemeinsamkeiten:

  • Beschäftigung mit dem Tod
  • Die zentralen Werte: Gewaltfreiheit, Toleranz und Friedfertigkeit
  • Die Farbe Schwarz mit allen ihren Symbolismen
  • Als zentrales Thema: [die] stilistische Einheit aus Musik, Körperinszenierung (‚Outfit‘) und ‚Lebensart‘
  • Der Wunsch, sich vom Rest der Welt zu unterscheiden
  • Interesse an:
    • fremden / vergangenen Kulturen
    • Denktraditionen (Mittelalter, Romantik)
    • Übersinnliche Welterklärungen und Kosmologien
  • Abschottung (und daraus eher minimales politisches Engagement)
  • Individuelle Kreativität (hey, warum schreib ich dieses Blog 🙂 )
  • Rituale der Abgrenzung
  • Grosse Events

Nun, ich kann schlecht sagen: Wir Gothen sind die, die sich an grossen Events treffen und dort Rituale der Abgrenzung symbolisieren… Also werde ich die fettgeschiebenen Punkte weiterverfolgen…

Wikipedia?

Das deutsche Wikipedia unterscheidet zwischen der Kultur und Musik. Kultur trifft wohl eher, und dort werden folgende Gemeinsamkeiten aufgezegt:

  • Interesse an okkulten oder neuheidnischen Inhalten
  • Vorliebe für dunkle Farben und Stimmungen
  • Verschiedene Äusserlichkeiten

Die englische Version unterscheidet noch mehrere Musikstile und Mode. Beschreibend nennt der Beitrag Entwicklung, Kunst, etc. Als konkrete Gemeinsamkeiten können herausgelesen werden:

  • Eine starke Anziehung von dunklen, mysteriösen und morbiden Bildern und Stimmungen, inspiriert von der Romantik und der Neoromantik.
  • Kreativität

Websites der Gothen

Wie beschreiben bzw. sehen sich die Gothen selbst… Ein kleine, nicht repräsentativer Überblick gibt goth.net:

  • Schwarze Kleidung
  • Frei denkend
  • Nicht in die Gesellschaft passend
  • Satirischer Humor
  • Vorurteilsfrei und tolerant

Verschiedene andere Quellen (Villa Vampyria, Think Quest Gothic (danke, archive.org), …) nennen immer wieder:

  • Faszination von allem was mit Tod und Vergänglichkeit zu tun hat
  • Emotionalität, Melancholie und dem Interesse am Dunkeln
  • Liebe zu düsterer Musik
  • Das Gefühl, intensiver zu leben als die normalen Menschen
  • Toleranz

Und die Blogger?

Was meint denn die Basis? Ich war relativ erfolglos im Finden von Blogeinträgen zu diesem Thema… Bob hat was wirklich schönes geschrieben:

A Goth is a person who is dark (not clear to the understanding, possessing depth and richness) and Bohemian (a writer or an artist who lives an unconventional lifestyle), as well as one who is noncomforming to the dominant establishment – the „mainstream“. In my experience, most Goths are quite intelligent, although not necessarily smart, with a rather dark sense of humor. Goths are naturally drawn to the macabre or preternatural, such as vampires, zombies, werewolves, etc. All Goths do not wear black. All Goths are not satanists – I, myself, am a Christian.

VampireIce hat einen schönen Bericht in Deutsch, der auch dieses Thema streift.

Fazit

Wir Gothen:

  • … haben ein Faible für dunkle Farben und Stimmungen wie Melancholie.
  • … sind fasziniert von allem was mit Tod und Vergänglichkeit zu tun hat.
  • … sind kreativ und haben gerne schöne Dinge, darum achten wir auch auf unser Äusseres.
  • … haben vielfältige Interessen an Dingen mit romantischen, okkulten oder sonst wie weiterbringenden Inhalten.
  • … wollen überlegter durchs Leben gehen und dabei nichts, nicht einmal den Tod ausblenden.

Hm… Ich hoffe ich habe den kleinsten Nenner gefunden…..

Wo sind all die Gothen hin?

Ich, gestyled.… wo sind sie geblieben, die alten und alternden Gothen…? Nun, nach einer ad-hoc Theorie würde ich sagen, dass sie nicht aussterben, sondern sich vom Homo Gothicus Generalis in Subspezies aufteilen.

Etwa gleich oft trifft man folgende Exemplare („Er“ wird dabei als generisches Masculin verwendet, was weibliche Gothen bzw. Gothinnen nicht ausschliessen soll):

Homo Gothicus Familiensis: Diese Subspezies gründet eine Familie. In der Verantwortung als Elternteil, die sowohl das Pflegen des Nachwuchses als auch das regelmässige Geldverdienen umfasst, geht der Familiensis auf. Er stellt das Gothensein in den Hintergrund (oder auf ein hohes Regal, da Kayal vom Mobiliar nur schlecht entfernbar ist und Wimperntusche für Kinder giftig). Im Laufe der Zeit wird die toupierte Frisur einem sportlichen Kurzhaarschnitt geopfert und das Dunkle aus der Familie ferngehalten oder 23 Jahre nach hinten verschoben „Wenn wir dann mal Zeit haben“.

Homo Gothicus Partyii Eternum: Diese Spezies geht immer wieder an jede Party, in fast jedem Club der mit dem Internet, per Bus oder Gothmobil erreichbar ist. Sie haben das Gefühl, sie könnten etwas verpassen oder an einer Party fehlen. Dass sie in den letzten 15 Jahren nichts verpasst oder nicht gefehlt haben, wird als a posteriori Hypothese verwendet, dass es jetzt dann mal wohl der Fall sein wird. Ein Teil der Subspezies trifft halbsoalte Gothicus Generali um sich potentiellen Fortpflanzungsritualen zu widmen, der andere Teil trifft sich mit Ebensgleichen um über Musik und Volk zu lästern.

Homo Gothicus Solipsis: Diese Spezies gibt vor, auf der Suche zu sein. Das ist diese Subspezies auch, allerdings nur bis kurz vor die Möglichkeit, etwas oder jemanden zu finden. Denn wenn man jemanden finden würde, würde man sich der Grundlage berauben, jemanden zu suchen.

Sorry, ist vielleicht etwas böse geraten… Eigentlich mag ich Euch und bin selber soeiner ;). Rezyklierter, aber selber fabrizierter Beitrag von http://www.nachtwelten.de/vB/index.php.