Woher kommt der Begriff “Goth” für die Subkultur?

Kleine Kinder fragen Dinge, die einem aus der Fassung bringen und auch ganz unbelastete Menschen können einem immer in die Enge treiben. Fragt mich doch jemand, woher die Bezeichnung „Gothic“ für uns kommt. Öööhm, äääh, ich hab ja begonnen als wir noch „Grufties“ waren.

Ganz einig scheint sich die schwarze Fachwelt nicht zu sein. Oftmals wird die Website Origins of the term „Goth“ zitiert. Die meint (frei übersetzt):

Der Name „Gothen“ kam ursprünglich von einem germanischen Stamm (den Goten). Die Römer betrachtete diese als barbarisch und unkultiviert, ganz ähnlich den Vandalen. „Gotik“ wurde später von Kritikern für einen mittelalterlichen Architekturstil verwendet die ihn als ebenso barbarisch und unkultiviert angesehen haben (der Begriff „Vandalen“ hat eine ähnliche Entwicklung). Der Begriff wurde im späten 18. und frühen 19, Jh für einen Literaturstil verwendet der mit dem Tod und dem Übernatürlichen zu tun hat.

Wie „goth“ für die post-Punk Musikbewegung Verwendung fand ist unklar. Die Früheste Verwendung innerhalb der post-Punk Szene ist entweder Martin Hannett, dem Produzent von Joy Division oder Siouxsie and the Banshees im Sommer 1979 zuzuschreiben (Siehe Originalwebseite für Zitate).

Das englische Wikipedia meint (leider ohne Quellenangabe):

In England in den späten 1700 gab es eine Nostalgiewelle für das Mittelalter und die Menschen waren fasziniert von den gotischen Ruinen. Diese Faszination war oftmals kombiniert mit einem Interesse in die mittelalterliche Romantik, Römisch-Katholischer Religion und dem Übernatürlichen. Anhänger für die gothische Architektur in England wurden angeführt von Horace Walpole und wurden manchmal scherzhaft als „Gothen“ bezeichnet.

Das würde passen und sich in einem Gespräch gut machen :). Am Besten gefällt mir aber die Erklärung aus http://www.sfgoth.com/primer/etymology.html (die es leider nimmer gibt) Etymology of „gothic“:

Gothic ChurchIm Mittelalter wurden grosse, bedrohliche Kathedralen im ogiven Stil gebaut. Barocke Historiker haben diesen Stil später als „gotisch“ bezeichnen weil sie ihn unqualifiziert und geschmacklos fanden. Wie auch immer, der Witz kam nicht in die Gänge. Statt die öffentliche Meinung über die Architektur zu ändern haben sie nur erreicht, das die Bedeutung des Begriffs in der Öffentlichkeit geändert hat. Die Menschen haben angenommen das „Gotisch“ die Bedeutung „dunkel“ und „bedrohlich“ hat, weil das die Eindrücke sind die die Ogiven hervorrufen.

Ja, so kann mans erklären, obwohl es nicht gerade schmeichelhaft ist. Die Goten waren ein hässliches Volk:
The Invasion of the Goths

Wann ist ein Gothe ein Gothe?

Wenn Leute auf uns zukommen und uns ansprechen, so wird normalerweise zuerst einmal geklärt, was wir nicht sind (siehe Sorry, soo einfach ist es nicht!). Doch dann kommt die Frage: „Ja was seid ihr denn?“ und ich gerate ins Stocken. Hm, ja was verbindet uns Gothen denn? Eine Lebenseinstellung? Wohl eher nicht, denn erstens ist die wirklich unterschiedlich bei den Gothen und zweitens erkennt man einen Gothen auch ohne vorherigen Rorschach-Test. Ist es die Musik? Nö, ebenfalls zu inhomogen… Und ich weigere mich zu glauben, dass es nur das Äussere ist. Das wäre zu einfach und zu billig.

So stehe ich dann da, unfähig meine Gruppenzugehörigkeit zu formulieren und lasse den Interessenten uninspiriert stehen mit der Meinung, das wir halt komisch oder sprachbehindert sind. Das muss ein Ende haben! Darum, wohlgemut das Web befragt.

Goth or not?

Zuerst an meine Befürchtung: Das Äussere. Fragen wir doch die Community, oder Besser Goth or not. Dort kann ausgewählt werden, ob ein sich selbst darstellendes Individuum ein Gothe ist oder nicht. Schauen wir jeweils die zwei ersten Männlein und Weiblein an:

toxic_nothing darkstar2   sinistersteve septymus
Platz 1 F: 81.13% goth – toxic_nothing Platz 2 F: 70.76% goth – darkstar2   Platz 1 M: 69.30% goth – sinistersteve Platz 2 M: 68.43% goth – septymus

Was sind die Gemeinsamkeiten und Besonderheiten? Hmm…

  • Schwarze Haare
  • Stark geschminkt
  • …?

Ansonsten bleibt nicht viel, glaube ich. Die schwarzen Haare werden auf den nächsten Rängen auf „Keine blonden Haare“ reduziert…

Jugendszene?

Mein Lieblingslink zum Thema Goth, Jugendszenen von der Uni Dortmund. Als nicht-Gemeinsamkeiten führen Sie auf:

  • Das Alter (14 bis ganz alt)

Gemeinsamkeiten:

  • Beschäftigung mit dem Tod
  • Die zentralen Werte: Gewaltfreiheit, Toleranz und Friedfertigkeit
  • Die Farbe Schwarz mit allen ihren Symbolismen
  • Als zentrales Thema: [die] stilistische Einheit aus Musik, Körperinszenierung (‚Outfit‘) und ‚Lebensart‘
  • Der Wunsch, sich vom Rest der Welt zu unterscheiden
  • Interesse an:
    • fremden / vergangenen Kulturen
    • Denktraditionen (Mittelalter, Romantik)
    • Übersinnliche Welterklärungen und Kosmologien
  • Abschottung (und daraus eher minimales politisches Engagement)
  • Individuelle Kreativität (hey, warum schreib ich dieses Blog 🙂 )
  • Rituale der Abgrenzung
  • Grosse Events

Nun, ich kann schlecht sagen: Wir Gothen sind die, die sich an grossen Events treffen und dort Rituale der Abgrenzung symbolisieren… Also werde ich die fettgeschiebenen Punkte weiterverfolgen…

Wikipedia?

Das deutsche Wikipedia unterscheidet zwischen der Kultur und Musik. Kultur trifft wohl eher, und dort werden folgende Gemeinsamkeiten aufgezegt:

  • Interesse an okkulten oder neuheidnischen Inhalten
  • Vorliebe für dunkle Farben und Stimmungen
  • Verschiedene Äusserlichkeiten

Die englische Version unterscheidet noch mehrere Musikstile und Mode. Beschreibend nennt der Beitrag Entwicklung, Kunst, etc. Als konkrete Gemeinsamkeiten können herausgelesen werden:

  • Eine starke Anziehung von dunklen, mysteriösen und morbiden Bildern und Stimmungen, inspiriert von der Romantik und der Neoromantik.
  • Kreativität

Websites der Gothen

Wie beschreiben bzw. sehen sich die Gothen selbst… Ein kleine, nicht repräsentativer Überblick gibt goth.net:

  • Schwarze Kleidung
  • Frei denkend
  • Nicht in die Gesellschaft passend
  • Satirischer Humor
  • Vorurteilsfrei und tolerant

Verschiedene andere Quellen (Villa Vampyria, Think Quest Gothic (danke, archive.org), …) nennen immer wieder:

  • Faszination von allem was mit Tod und Vergänglichkeit zu tun hat
  • Emotionalität, Melancholie und dem Interesse am Dunkeln
  • Liebe zu düsterer Musik
  • Das Gefühl, intensiver zu leben als die normalen Menschen
  • Toleranz

Und die Blogger?

Was meint denn die Basis? Ich war relativ erfolglos im Finden von Blogeinträgen zu diesem Thema… Bob hat was wirklich schönes geschrieben:

A Goth is a person who is dark (not clear to the understanding, possessing depth and richness) and Bohemian (a writer or an artist who lives an unconventional lifestyle), as well as one who is noncomforming to the dominant establishment – the „mainstream“. In my experience, most Goths are quite intelligent, although not necessarily smart, with a rather dark sense of humor. Goths are naturally drawn to the macabre or preternatural, such as vampires, zombies, werewolves, etc. All Goths do not wear black. All Goths are not satanists – I, myself, am a Christian.

VampireIce hat einen schönen Bericht in Deutsch, der auch dieses Thema streift.

Fazit

Wir Gothen:

  • … haben ein Faible für dunkle Farben und Stimmungen wie Melancholie.
  • … sind fasziniert von allem was mit Tod und Vergänglichkeit zu tun hat.
  • … sind kreativ und haben gerne schöne Dinge, darum achten wir auch auf unser Äusseres.
  • … haben vielfältige Interessen an Dingen mit romantischen, okkulten oder sonst wie weiterbringenden Inhalten.
  • … wollen überlegter durchs Leben gehen und dabei nichts, nicht einmal den Tod ausblenden.

Hm… Ich hoffe ich habe den kleinsten Nenner gefunden…..